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Archiv - Dauerausstellung:  Raum 3 


Der Matrosenanzug
Kein anderes Kleidungsstück wurde so zum Zeichen für Kindheit und Jugend im wilhelminischen Kaiserreich wie der Matrosenanzug.  Über Jahrzehnte bestimmte er die Kinderbekleidung nicht nur in Deutschland, sondern in Europa.

Den ersten Matrosenanzug auf deutschem Boden ließ 1773 Karoline von Hessen-Darmstadt für ihren Enkelsohn Friedrich, den späteren preußischen König Friedrich Wilhelm III., anfertigen.

Das besondere an diesem “costume á la matelot” (Kleid wie die Marseiller Matrosen) war die lange, bequeme Hose. Sie setzte sich in der Kindermode nur sehr langsam durch. Aber á la matelot kleideten auch die Engländer ihren Nachwuchs schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das sportbegeisterte englische Bürgertum grenzte sich damit bewußt von der Aristokratie ab.
Der Matrosenuniform entlehnt wurde die Farbe blau, die enge Röhrenhose (später auch abgewandelt zu Knickerbocker), der Ausschnitt und der abknöpfbare, gesondert zu waschende Schulterkragen, der später zum Hauptschmuck der Kinderkleidung wurde.

Als sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die englischen Königskinder in diesem Anzug zeigten, war der Siegeszug nicht mehr aufzuhalten. Die englische Prinzessin Victoria, Gemahlin von Kaiser Friedrich III. und Mutter von Wilhelm II., brachte diese Mode mit nach Deutschland.

Kurz nach 1862 - in diesem Jahr zeigte sich der kleine Hohenzollern-Kronprinz das erste Mal im Matrosenanzug - bestellten gutsituierte Berliner Familien diesen Dress für ihre Kinder noch bei Firmen in England.

Seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gehörte der Matrosenanzug zur Standardbekleidung für deutsche Jungen.
Hatte es sich anfänglich nur um einen Sommeranzug aus weißem Drillich gehandelt, so bestimmten bald marineblauer Serge und gestrickter Jersey auch die Winterkleidung, wobei der offene Ausschnitt mit der Unterziehweste typisch blieb. Kragen und Manschetten zeigten drei weiße Streifen, womit an die drei großen Seeschlachten von Admiral Nelson erinnert wurde. Die Tellermütze wurde wahrscheinlich von der französischen und der deutschen Marine entnommen.

Von der Jungen auf die Mädchenmode übergreifend, tauchten ab1880 verstärkt Matrosenblusen zum Faltenrock auf, was auch in der Damenmode (vor allem in der Sportbekleidung u.a. bei Tennis) Eingang fand.

1874 begann der Aufbau der kaiserlichen Flotte und erfüllte die Deutschen mit großer Marinebegeisterung. Unter der Regierung Wilhelms II. wurde Kiel zum Symbol für Deutschlands Zukunft auf dem Wasser. Bald entstand in Kiel auch eine Textilfabrik für Matrosenkleidung. Der “echte Kieler Matrosenanzug” wurde zur Wertmarke bürgerlichen Nationalstolzes. Renommierte Spezialfirmen wie zum Beispiel die Hoflieferanten Grutzmann & Sebelin oder Hermann Busch sorgten für die vorschriftsmäßige, exklusive Ausstattung.

Immer wieder erschienen Fotografien der kaiserlichen Kinder in dieser “Kinderuniform”. Ab 1890 war der Siegeszug des “Kieler Anzuges” nicht mehr aufzuhalten. Um 1900, der Blütezeit des Marine-Looks, konnten nahezu alle Kinder im Deutschen Reich ein Exemplar dieses strapazierfähigen Kleidungsstückes ihr eigen nennen, was auch die Photographien von Schulklassen dieser Zeit sehr deutlich unterstreichen. Daraus resultiert der Fehlschluß, dass Matrosenanzug und Matrosenkleid zur Schulkleidung an deutschen Schulen gehörten. Eine Schuluniform gab es nicht, allerdings gehörte an Gymnasien und manchen Lyzeen das Tragen von Schulmützen und Hüten zur schulischen Kleiderpflicht.  

Die Novemberrevolution 1918/19 brachte den Matrosenanzug beim deutschen Bürgertum in Mißkredit. Die Nationalsozialisten beurteilten diese Bekleidung, die zum Sinnbild des deutschen Kaiserreiches geworden war, als reaktionär. Damit verschwand der Matrosenanzug in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. 
     
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