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Kinderbekleidung von 1870 bis 1918
Das Kaiserreich erwartete
standesgemäßes Auftreten, das sich in der
Kleiderordnung
niederschlug. Während wohlhabende Kinder Knöpfstiefel
trugen,
gingen ärmere in Holzpantinen, teilweise auch nur
barfuß.
Gleichzeitig diente die Kleidung dazu, die heran- wachsende Generation
an Gesellschaftsklassen zu gewöhnen und bereits im Kindesalter
ihre Stellung in der Gesellschaft deutlich aufzuzeigen.
Die Gründerzeit wurde bestimmt vom wirtschaftlichen Aufschwung
und
Streben nach Repräsentation und Reputation. Die Mode war
dafür ein deutliches Zeichen und unterschied nach
Gesellschafts-
klassen.
Knaben der Gründerzeit wurden in schwarzen oder blauen Samt
gekleidet und trugen sog. van-Dyck-Kragen. Die
Größeren
bevorzugten Tweedjacketts mit Kragen und Schleife und dazu lange Hosen
oder die aus England kommenden engen Kniehosen, sog. Breeches. Das war
sportlich und männlich zugleich. Schnürstiefel und
Halbschuhe
kamen auf.
Die Mädchenkleidung entsprach mit Spitzen und Rüschen
weitgehend der Damenmode.
Aus England kamen die kurzen weißen Söckchen, die
feine
Kinder bis spät in den Winter trugen. Die Farbe Weiß
war das
Zeichen der Kindlichkeit, der Reinheit, aber auch des
Reichtums.
Auch die Accessoires, vor allem Hüte, zeigten den Stand an.
Kein
Kind aus besserer Gesellschaft betrat die Straße ohne Hut.
Die um
1900 entstehende Reformbewegung wandte sich u.a. auch gegen das
modische Herausputzen der Kinder. Ausdrücklich wurde auf dem
ersten Berliner Frauenkongreß 1896 die Forderung nach
praktischer
und gesunder Damen- und Kindermode gestellt, u.a. die Abschaffung von
Korsetts.
Die zunehmende Sportlichkeit schlug sich am deutlichsten
nieder in der Hosenmode. Pumphosen waren ebenso wie Breeches modern.
Bei den Breeches handelte es sich um an Hüften und
Oberschenkel
weite, bis zum Knie reichende Hosen. Die Pumphosen wurden bis unter das
Knie gezogen, wo sie durch einen Bund zusammen- gehalten wurden.
Kleine und junge Mädchen trugen Hänger mit
angekrauster Passe
und das sogenannte Blusenkleid. Die Oberteile wurden nach einer aus
England übernommenen Neuheit in Smoke-Technik
gearbeitet.
Auch für die “Backfisch”-Mode (12 bis
19jährige)
wurden schwere Stoffe und reichere Garnituren abgelehnt. Die Kleidung
sollte genügend weit sein und im Ober- und Unterteil
zusammenhängen.
Auch das praktische Schürzenkleid tauchte in der Reformmode
wieder auf.
Zu den bevorzugten Überkleidern für Kinder
zählte das
doppelreihige Paletot, für kleinere der Sackmantel bzw. der
verdeckt geknöpfte
damenhaftere Mantel für größere
Mädchen.
Auch in der Unterbekleidung wurde alles Beengende abgelehnt.
Außer Hemd oder Hemdhose sollten nur noch das Reformleibchen,
das
Reformbeinkleid und ein Unterrock getragen werden.
Als Stoffe wurden waschbare Materialien gewählt, im Sommer
Baumwollstoff, im Winter Barchent, ein Woll- oder Baumwollgewebe.
Wenn die Reformbewegung auch die Aspekte der Gesundheit,
Natürlichkeit und Tragbarkeit in die Frauen- und Kindermode
einbrachte und anfänglich zu einer Auflösung der
sozialen
Unterschiede beitrug, so scheiterte sie doch letzten Endes am Diktat
der Mode, am Zwang der Vermarktung und am Streben nach Verkaufsgewinn.
Die immer raffinierter werdenden Reformmodelle konnten sich nur noch
Wohlhabende leisten.
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